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Vier deutsche Marienmotetten

1. Heut ist entsprosst ein Reis
2. Siehe, die Jungfrau
3. Blind vor Weinen
4. Königin des Himmels

Entstehung: 1928
Verlag: Schwann

Ein ausdrucksstarker Chorsatz für die Advents- und Weihnachtszeit
Hermann Schroeders Motette „Siehe, die Jungfrau wird empfangen“

Hermann Schroeder (1904-1984) hat mit seinen Orgel- und Chorwerken einen wichtigen Beitrag zur katholischen Kirchenmusik des 20. Jahrhunderts geleistet. Die Motette „Siehe, die Jungfrau wird empfangen“ schrieb er bereits vierundzwanzigjährig als Student der Kölner Musikhochschule (1928). Das ausdrucksstarke Frühwerk ist Bestandteil des Zyklus „Vier deutsche Marienmotetten“ op. 3, der 1934 im Verlag Schwann erschien. Alle vier Motetten (Heut ist entsprosst ein Reis – Siehe, die Jungfrau – Blind vor Weinen – Königin des Himmels) fußen auf lateinischen liturgischen Texten. „Siehe die Jungfrau“ ist die deutsche Übersetzung der Communio vom 25. März „Ecce virgo concipiet“. Die Thematik des Textes gehört in die Weihnachtszeit und findet sich im Alten Testament in der berühmten Emmanuelweissagung des Propheten Isaias: "Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Seht, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären, und sie wird ihm den Namen Emmanuel (Gott mit uns) geben." (Is 7, 14). Im „Gotteslob“ ist der Text unter der Nummer 119, Kehrvers 7 enthalten.

Die Motette ist zweiteilig. Sie beginnt im Pianissimo und beschränkt sich zunächst auf den schlichten Vortrag des Textes „Siehe, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären“, der zweimal wiederholt wird. Alle Stimmen werden linear geführt und folgen im melodischen Duktus ganz der Sprachmelodie. Eine erste Betonung liegt auf dem Wort „Sohn“, woraus sich ganz organisch ein Taktwechsel (vom 3/4 zum 4/4-Takt) ergibt, weil die betonte Note verlängert wird. Die Harmonik beschränkt sich auf diatonische Akkordfortschreitungen und vermeidet jede Chromatik. Sie ist aber keineswegs eintönig sondern enthält einige reizvolle Mixturklänge und Sekundreibungen und wandert am Ende der 1. Zeile über G-Dur und a-Moll nach E-Dur; am Ende der 2. Textzeile wird über g-Moll, A-Dur, h-Moll und D-Dur ein offener Mixturklang über Fis erreicht.
Nun kommt die entscheidende Stelle der Motette. Bei den Worten „und sein Name wird heißen: Emmanuel!“ weitet sich der Satz von der Einstimmigkeit (Fis in Bass und Tenor) zur Fünfstimmigkeit in weiter Lage, die einen Tonraum von zweieinhalb Oktaven umspannt. Die Harmonik schreitet dabei von Fis nach d-Moll, eine Wirkung, der sich der Hörer kaum entziehen kann. „Emmanuel!“ Kraftvoll erklingt der Name des neugeborenen Kindes, das die Welt verändern wird. Zweimal wird er dann in abgestufter Dynamik (f, p) wiederholt und verklingt im Pianissimo. Die dynamische Spannweite vom ff zum pp ist Ausdruck des Wunders der Weihnacht und der Menschwerdung Gottes: der allmächtige, unendliche Gott kommt zu den Menschen in Gestalt eines kleinen, liebenswerten Kindes. Die Musik macht das gewaltige Ereignis nachvollziehbar und rückt das Jesuskind in die Nähe von uns Menschen. Mit dem zarten, sechsstimmigen A-Dur-Schlussakkord ist Gott bei uns angekommen.
Bei der Interpretation der Motette sollte der Chor den ersten Teil aus der melodischen Linie heraus gestalten und in dichtem Legato singen. Die dynamischen Angaben des Komponisten für Crescendo und Decrescendo genau beachten, vor allem das Diminuendo am Ende des ersten Teils („gebären“), denn das Pianissimo ist die Voraussetzung für die Wirkung des anschließenden zweiten Teiles. Aufbauend auf dem Fis im Bass türmen dann Tenor, geteilter Alt und Sopran mehrere Quinten und Oktaven zu einem immer stärker werdenden Mixtur-Klang auf („und sein Name wird heißen:“), ein auskomponierter Doppelpunkt, der die Zuhörer auf die zentrale Aussage vorbereitet. Aber Vorsicht, noch nicht zu laut singen: Erst bei „Emmanuel“ ist der dynamische Höhepunkt (ff) erreicht. Die erste Wiederholung des Wortes „Emmanuel“ geht in der Lautstärke schon etwas zurück, kostet aber die schmerzliche Sekundreibung (e/f) zwischen Tenor und Alt aus, mit der Schroeder vielleicht schon auf den späteren Tod Jesu am Kreuz hinweisen will. Die dritte und letzte Wiederholung „Emmanuel“ so zart und innig wie möglich singen. Die Schlussfermate lange verklingen lassen und auch danach noch die Schlussspannung halten, um die nachdenkliche Stimmung zu unterstreichen, die Schroeders Motette beim Zuhörer erzeugen will. Eine kleine aber feine Motette (Dauer ca. 1 Minute) für die Advents- und Weihnachtszeit, geeignet für Konzert und Gottesdienst. In der Liturgie kann die Motette vor dem Evangelium gesungen und mit einem Hallelujah-Ruf kombiniert werden (z. B. GL 530,1). (© Dr. Rainer Mohrs)
(erschienen in: Musica sacra 129, 2009, S. 305 - Aus der Praxis für die Praxis: Aufs Pult gelegt)

Einspielungen des Werkes

Acousence 10610 Geistliche Chormusik u.a. mit Motetten, der Missa brevis op. 17 und der Johannespassion

Jubilate Deo u.a. mit der Motette "Siehe, die Jungfrau wird empfangen" (Mainzer Domchor)

ambitus 97 855 u.a. Motette "Siehe die Jungfrau wird empfangen" (musica-viva-chor Bamberg, Ltg. Fritz Braun)



Sechs Weihnachtslieder
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