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3. HSG-Tagung 1998 in Bonn

Unbekannte lyrische Töne

3. Jahrestagung der Hermann-Schroeder-Gesellschaft

Die 3. Tagung der Schroeder-Gesellschaft fand am 26./27. September 1998 im Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Bonn statt. Die Institutsleiterin, Prof. Dr. Renate Groth, unterstrich bei der Begrüßung, daß der Tagungsort wegen der besonderen Beziehung Schroeders zu Bonn gewählt wurde: 1946-1972 lehrte er am Musikwissenschaftlichen Institut Musiktheorie und Tonsatz, 1974 wurde ihm für sein kompositorisches Werk die Ehrendoktorwürde der Universität Bonn verliehen. Am 26. März 1940 hat der Komponist im Bonner Münster geheiratet.

Thematisch setzte die Tagung einen neuen Schwerpunkt, indem einmal nicht die Kirchenmusik im Vordergrund stand, sondern Schroeders weltliche Chorlyrik. Bei seinem Einleitungsreferat wies Prof. Dr. Wilhelm Schepping darauf hin, daß Schroeders weltliche Chormusik gekennzeichnet ist durch einen intensiven Textbezug, allerdings weniger im Sinne einer plakativen, vordergründigen Textausdeutung als viel mehr durch eine sensible, feine Hintergründigkeit. Der Leiter des Bonner Kammerchores, Peter Henn, unterstrich den lyrischen Aspekt in Schroeders weltlicher Chormusik und legte seinem Vortrag über "Hermann Schroeders Wirken als Chordirigent" persönliche Erinnerungen zugrunde, die er während seiner Studienzeit als Mitglied des von Schroeder geleiteten Madrigalchores der Kölner Musikhochschule gewonnen hatte. Außerdem bezog Henn die Programme des ebenfalls von Schroeder geleiteten Kölner Bach-Vereins mit in seine Überlegungen ein. "Für Schroeder war der Madrigalchor das vollkommenste Instrument seiner künstlerischen Vorstellung. Die Arbeit an Klanghomogenität und Klarheit der Sprache stand im Vordergrund; Schroeders Sicherheit bezüglich der Stilistik und des Charakters der jeweiligen Musik haben uns Studenten ebenso geprägt wie die bewußte Gestaltung der Programmauswahl. Die Kürze und die Vielzahl der Einzelwerke erfordert bei weltlichen Chorkonzerten eine gestaltende Hand bei der Programmanordnung. Schroeder löste dieses Problem z. B. durch Symmetrien im Programmaufbau oder durch Bezüge zum Aufführungsort bzw. zur Jahreszeit", so Peter Henn.

Dr. Raimund Keusen, Bonn, berichtete in seinem Vortrag "Meine Erinnerungen an Hermann Schroeder" über Schroeders Wirken als Lehrer für Komposition und Musiktheorie. In seinem Unterricht, so Keusen, hatte er einen hohen Anspruch und beeindruckte die Studenten durch seine umfassende Literaturkenntnis. Musiktheoretische Axiome seien stets an Literaturbeispielen aus allen Epochen belegt und erläutert worden. Besonders in Erinnerung geblieben sei ihm, daß Schroeder im Unterricht einmal eine sechsstimmige Motette von Lassus am Klavier transponiert habe, und zwar nach alten Schlüsseln. Bei aller fachlichen Kompetenz habe sich Schroeder eine einfache, unakademische und natürliche Art bewahrt. In künstlerischen Fragen hatte er eine klare Auffassung, die er gradlinig und engagiert vertrat. Gerade dadurch habe er die Studenten zum eigenen Nachdenken angeregt. Kennzeichnend war außerdem Schroeders typischer rheinischer Humor. Keusen berichtete in einer Anekdote, daß er als Kontrapunktschüler von Schroeder sehr erstaunt war, als er eines Tages eine Ausgabe der "Marianischen Antiphone" für Orgel aufschlug und überrascht feststellen mußte, daß sein Tonsatzlehrer gleich in den ersten Takten Quint- und Oktavparallelen in beiden Händen verwendete. Nach der nächsten morgendlichen Tonsatzstunde beschloß er, seinen Lehrer mittags in der Sprechstunde danach zu fragen. "Herr Professor, haben Sie uns nicht gelehrt, daß Quint- und Oktavparallelen unbedingt zu vermeiden sind?" "Das war morgens", antwortete Schroeder und fügte hinzu: "Heute darf man das!"

Unter dem Motto "So süßes Lied" interpretierte der Bonner Kammerchor am Samstagabend in der Schloßkirche weltliche Chormusik des 19. und 20. Jahrhunderts. Das klug zusammengestellte Programm legte historische Verbindungslinien offen: Schroeders "Rilke-Zyklus" erklang neben Hindemiths "Six Chansons" nach Texten von Rilke, Schroeders "Mörike-Lieder" wurden Mörike-Vertonungen von Distler gegenübergestellt. So wurde deutlich, daß Schroeders Chormusik stilistisch ins Umfeld der Zeitgenossen Hindemith und Distler einzuordnen ist und in diesem Kontext durchaus bestehen kann. Eine zweite historische Verbindungslinie entstand auf dem Gebiet der kunstvollen Volksliedvertonung. Sätze von Brahms, Reger und Schroeder fügten sich zu einem stimmigen Gesamtbild, das ein gemeinsames Anliegen erkennen ließ: eine Vorliebe für alte Melodien ("All mein Gedanken" und "Ich fahr dahin" aus dem Lochamer Liederbuch/1460) und das Bestreben, die Lieder durch ausgefeilte Kontrapunktik und Harmonik in den Rang eines persönlich geprägten Kunstwerkes zu heben.

Im Gottesdienst am Sonntagvormittag sang die Camerata vocale St. Martin in der Münsterbasilika Schroeders "Missa brevis" (1935) und seine Motette "Herr, der Frieden gibt". Regional- und Münsterkantor Markus Karas spielte Schroeders "Beethoven-Variationen" für Orgel, eine Komposition aus dem Jahre 1983, die als Thema den "Heiligen Dankgesang eines Genesenden an die Gottheit, in der lydischen Tonart" zugrunde legt (aus Beethovens spätem Streichquartett op. 132). Zusammen mit Ulrich Hülder, Oboe, interpretierte Karas die "Drei Dialoge für Oboe und Orgel". Die nächste Tagung der Hermann-SchroederGesellschaft findet am 25./26. September 1999 anläßlich des 15. Todestages des Komponisten in Schroeders Geburtsort Bernkastel-Kues/Mosel statt. Gleichzeitig gibt es im Rahmen der Internationalen Orgelfestwochen im Kultursommer Rheinland-Pfalz einen "Orgelwettbewerb um den Hermann-Schroeder-Preis" im Kloster Himmerod/Eifel. Auskünfte erteilt die Hermann-Schroeder-Gesellschaft, Goethestraße 5, D-55270 Zornheim, Tel. 06136/44129, Fax 06131/2468222.
(erschienen in: Musica sacra 119, 1999)