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2. HSG-Tagung 1997 in Trier

Am 20./21. September 1997 fand in Trier die Jahrestagung der Gesellschaft statt. In Konzerten und Vorträgen standen vor allem frühe Werke des Altmeisters der kirchenmusikalischen Moderne im Vordergrund, Werke, die Ende der 20er bzw. Anfang der 30er Jahre komponiert wurden. Der Tagungsort Trier wurde gewählt, weil Schroeder hier 1938/39 als Domorganist wirkte, 1919-1923 in Trier das Gymnasium besuchte und als Schüler im Trierer Domchor mitsang. Was er hier als erste musikalische Eindrücke mitnahm, war reinste Romantik: Domkapellmeister war damals Wilhelm Stockhausen (1872-1951), der in Regensburg bei Michael Haller Komposition studiert hatte. Domorganist war der Rheinberger-Schüler Ludwig Boslet (1860-1951), ein damals bekannter Improvisator und Orgelkomponist, der unter anderem 6 gewichtige Orgelsonaten hinterließ.

Vor diesem Hintergrund wurde im Konzert am Samstagabend deutlich, daß Schroeders Chor- und Orgelmusik einen wesentlichen Beitrag zur Modernisierung der Kirchenmusik im frühen 20. Jahrhundert leistete: eine mit Dissonanzen gewürzte „freie“ Tonalität und die Emanzipation der horizontalen Einzelstimme von der Vertikale (d.h. vom Zwang zur wohlklingenden Konsonanz) brachte frischen Wind in die vom Cäcilianismus geprägte, belanglos-gefällige Kirchenmusik um 1900. Wie Ahrens, Pepping, David oder Peeters knüpfte Schroeder an die zeitgenössischen Kompositionstechniken eines Hindemith oder Strawinsky an und stellte neue Ansprüche an Interpreten und Hörer: sich auch in der Kirche mit neuer Musik auseinanderzusetzen.

Dies deutet sich in Schroeders frühen Werken an, wenn auch noch deutliche Anknüpfungspunkte zur Romantik hörbar wurden: Schroeders Orgel-Toccata c-Moll, 1930 im Alter von 26 Jahren komponiert, interpretierte Domorganist Josef Still mit bestechender Virtuosität, dabei kostete er die spätromantische, chromatische Harmonik genüßlich aus und stellte damit dieses Jugendwerk mit vollem Recht ganz in die Tradition Regers und Rheinbergers. An die feine Kontrapunktik von Johannes Brahms erinnert Schroeders Choralvorspiel „In stiller Nacht“ (1934), und vor diesem Hintergrund hörte man auch die späten Werke „Variationen über den Tonus peregrinus“ (1975) und „Fünf Skizzen“ für Orgel (1977) ganz anders, zumal J. Still sie ganz unkonventionell mit viel Farbe und emotionalem Ausdruck spielte. Es ist zu vermuten, daß die frühe Orgelmusik des 20. Jahrhunderts mit veränderten interpretatorischen Vorzeichen in den nächsten Jahren wieder stärkeres Interesse erzielen wird.

Der Trierer Domchor und der Madrigalchor Klaus Fischbach knüpften ebenfalls bei Hermann Schroeders Frühwerken an. Es wurde deutlich, daß Schroeders „Te Deum“ für Chor, Blechbläser und Orgel aus dem Jahre 1933 musikalisch auf drei Quellen zurückgreift: auf die ausdrucksstarke Melodik des Gregorianischen Chorals, auf die gesanglich geführte Linie der klassischen Vokalpolyphonie und auf die Bildhaftigkeit Anton Bruckners, die bis in einzelne Motive spürbar ist. Unter Domkapellmeister Klaus Fischbach bestach der Chor durch reinste Stimmkultur, durch starke Ausdrucksfähigkeit und das seltene Vermögen, Schroeders Vokalmusik mit souveränem Blick für die polyphone Konstruktion der Musik, aber auch mit dem nötigen Sinn für Emotion und vielgestaltige, feine Klanglichkeit packend zu gestalten. Die vier „Responsorien der Karwoche“ (In monte Oliveti, Tristis est anima mea, Caligaverunt, Tenebrae factae sunt) aus dem Jahre 1954 erhielten durch Fischbachs expressive Interpretation eine Ausdruckskraft, die die gehaltvollen Texte unmittelbar zur Wirkung brachte. In seinem einführenden Vortrag über Schroeders Chormusik berichtete Fischbach über persönliche Erinnerungen an Hermann Schroeder, besonders im Zusammenhang mit der „Trierer Dommesse“, die 1974 zur Wiedereröffnung des Trierer Doms in Anwesenheit des Komponisten uraufgeführt wurde. Die „Responsorien der Karwoche“ zählte Klaus Fischbach „zum Besten, was von Seiten der katholischen Chormusik in diesem Jahrhundert komponiert wurde“.

Im Gottesdienst am Sonntag erklang Schroeders „Pauliner Orgelmesse“ für Chor und Orgel, Schroeders erste Komposition nach dem 2. Weltkrieg, von ihm Ostern 1946 in der Kirche St. Paulin in Trier mit dem dortigen Kirchenchor aufgeführt. In seiner Predigt stellte Weihbischof Gerhard Jakob die Messe in den historischen Kontext und erinnerte an die damaligen Zeitumstände. Nach den schrecklichen Erfahrungen vor 1945, nach dem Zusammenbruch der moralischen Grundwerte stand man (auch ganz real) vor einem Trümmerhaufen. Wo sollte man anknüpfen, wie wieder beginnen? Vor diesem Hintergrund interpretierte er Schroeders Messe als Dank dafür, daß der 2. Weltkrieg vorüber war, als Bekenntnis zu den jahrhundertealten Überzeugungen des christlichen Glaubens, die (wie Briefe Bonhoeffers aus dem KZ belegen) das Nazi-Regime überdauert haben.

Die nächste Tagung der Hermann-Schroeder-Gesellschaft findet am 26./27. September 1998 in Bonn statt, in Zusammenarbeit mit dem Bonner Kammerchor (Leitung Peter Henn), dem Chor der Universität (Leitung Walter Mik) und dem Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Bonn. Zum 15. Todestag Hermann Schroeders am 07. Oktober 1999 ist geplant, zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft für Mittelrheinische Musikgeschichte in Bernkastel-Kues eine Tagung und ein Konzert durchzuführen.
(erschienen in: Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft für Mittelrheinische Musikgeschichte, Heft 67/68)