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Nachruf von J. F. Doppelbauer


Josef Friedrich Doppelbauer (1918-1989), Nachruf auf Hermann Schroeder, erschienen in: Kirchenmusikalischer Ratgeber 80, Februar 1985, Altötting (Coppenrath), S. 7

Man wollte die Nachricht zuerst nicht glauben, daß Hermann Schroeder tot sei, dann war man bestürzt. Er war allen, die ihn kannten, noch vor Augen als sehr agiler Achtziger, keine Spur von Seniorengehabe oder Greis, jung geblieben in allen seinen Äußerungen, bewegt von allem und selber wieder alle bewegend. Bis zuletzt ein streitbarer Geist für die "Reinheit der Tonkunst in der Kirche", um Thibauts Buchtitel hier variiert anzuwenden.

Musik in der Kirche war ihm ein Herzensanliegen. Jedoch, er war weit mehr als ein Kirchenkomponist, er war ein Komponist im vollen, runden Sinn des Wortes. Die lange und von ihrer Substanz her beachtliche Liste seiner nicht kirchlichen Werke ist ein Schatz, der erst gehoben werden muß. Doch auch in diesen Werken blieb das Sprituelle, trotz aller Musikantik, der geheime Untergrund seines Schaffens. Das erweisen besonders seine langsamen Sätze.

Er beobachtete kritisch und genau die Strömungen der Zeit, doch konnte er sich mit inhumanen Tendenzen, ob sie nun in Richtung Verflachung oder bewußter Provokation gingen, aus seinem Schaffensethos heraus nie befreunden. Er ließ sich nie vordergründig beeindrucken. Sein künstlerisches Gewissen hinderte ihn daran, sich geschäftstüchtig auf den jeweils herrschenden Trend einzustellen. Seine Ausdruckwelt manifestierte sich in chromatisch gesättigter Modalität. Man sprach, reichlich oberflächlich, vom
Quinten- oder Quarten-Schroeder, ein dummes Schlagwort, denn ebenso könnte man vom Terzen-Schubert oder Dissonanzen-Schönberg sprechen.

Trotz aller scheinbar leichten Durchhörbarkeit seines Stils war dieser so persönlich, daß er nicht wirklich kopiert werden konnte. Sein Leben war von Schatten umdüstert, doch ließ er das nie durchscheinen. Im Gespräch war er stets der heitere, trinkfeste Moselaner. Nur manchmal gingen Schatten über sein offenes Gesicht und ließen einen dunklen Hintergrund ahnen. Wirkliche schöpferische Begabung setzt Sensibilität voraus und die ist verletzlich!

Als umfassender Pädagoge hat er vielen Studenten die Wege zur Musik geöffnet und sie geprägt, ohne sie zu Schablonen zu machen. Er gehörte nicht zu jenen, die nur "gnadenhalber" und gelegentlich Kostproben ihres reichen Wissens und Könnens gaben, sondern er gab aus vollem Herzen, und oft waren seine Nebenbemerkungen ebenso aufschlußreich wie die direkten Anweisungen. Das war auch im Gespräch mit Freunden so. Nach dem Eintritt in den Ruhestand wurde es allmählich stiller um ihn, doch war der Radius seiner Bekanntheit schon so groß, daß die Zurücknahme äußerer Kontakte nicht viel ausmachte. Ungebrochen schuf er weiter Werk um Werk.

Hermann Schroeder wurde am 26.März 1904 in Bernkastel / Mosel als zweites von vier Kindern geboren. Ein Bruder war Musikwissenschaftler. Musik lag in der Erbmasse. Ursprünglich studierte Hermann Schroder Theologie (1923 in Innsbruck), doch wurde bald Kirchenmusik sein Lebensziel und er trat 1926 in die Musikhochschule Köln ein. Er studierte dort Schulmusik, Komposition, Orgel und Dirigieren. Ab 1930 kam die Zeit der praktischen Bewährung in Konzerten, Kompositionen und als Pädagoge an der Rheinischen Musikschule und an der Hochschule. 1938 wurde er Domkapellmeister und Domorganist in Trier. Nach dem Krieg wurde er 1948 ordentlicher Professor an der Musikhochschule Köln und war vorwiegend in der Schulmusikabteilung tätig. Von 1947 bis 1961 leitete er den Bachverein, 1974 verlieh ihm die Universität Bonn, deren Lektor er auch war, die Ehrendoktor-Würde. 1975 zeichnete ihn die Bundesrepublik mit dem Bundesverdienstkreuz 1.Klasse aus.

Von den zahlreichen Preisen seien genannt: 1942 der Kunstpreis Dresden, 1952 der Robert-Schumann-Preis, 1956 der Kunstpreis des Landes Rheinland-Pfalz. Im Alter machte es ihm Spaß, an Preisausschreiben mit problematischer Aufgabenstellung teilzunehmen. So beteiligte er sich an einem Preisausschreiben, das von Salzburg ausging und ein Werk über "Stille Nacht" forderte. Er gewann es. Sein letztes preisgewürdigtes Werk war eine deutsche Messe, die der Pallotinerorden ausgeschrieben hatte. Die Mitteilung vom Preis hat er noch erlebt, die Preisverleihung nicht mehr.

Für seine Verdienste um die Kirchenmusik wurde er von Papst Johannes XXIII. zum Commendatore des St.Gregoriusordens ernannt. Sein vielseitiges Schaffen gehört zu den wesentlichen Werken der Jahrhundertmitte und wird noch gespielt und entdeckt werden, wenn anderes, modisch viel gelobtes und gespieltes, längst uninteressant geworden sein wird.

Wenn einmal nur mehr die Substanzfrage und nicht die Novitätenfrage die wichtigste sein wird, ist auch seine Zeit wieder gekommen. Einmal sagte er zu mir, "wir müssen alle durch das Wellental des Generationenwechsels hindurch." Die katholische Kirchenmusik verdankt ihm Werke bleibenden Ranges und übernationaler Geltung.


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