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Festansprache H. Schroeders in Duisburg 1970


Benno Morsey, Eine Ansprache von Hermann Schroeder, erschienen in: Mitteilungen der Hermann-Schroeder-Gesellschaft, Heft 3, 2003, S. 60-62

... zur 100-Jahrfeier des Kirchenchores St. Josef

Es gibt inzwischen zwar zahlreiche Einspielungen von Werken Schroeders auf Tonträgern – und weitere werden folgen –, doch meines Wissens kaum eine Sprachaufnahme. Um so wertvoller ist das Dokument einer kurzen Rede, die der Komponist am 26. April 1970 vor dem Kirchenchor von St. Josef in Duisburg anläßlich von dessen Hundertjahrfeier gehalten hat. Mit diesem Chor, dem Gregorius-Chor, war Schroeder von 1932-1936 als Chorleiter und Komponist eng verbunden. Es war wohl viel gegenseitige Sympathie im Spiel, wie aus Briefen und mündlich überlieferten Äußerungen hervorgeht. Von Schroeders nachhaltigem Interesse an seinem alten Chor zeugt ein Brief seines Nachfolgers im Amt, KMD Alfred Steffen, aus dem Jahre 1994, in dem es heißt: "Bis zu seinem Lebensende war er dem Chor verbunden, dem er u.a. sein Te Deum gewidmet hat. Zu allen größeren Aufführungen seiner Werke kam er nach Duisburg."

Es spricht für die Qualität des Gregorius-Chores, daß Schroeder nicht nur vier Jahre lang dessen Leiter war, sondern daß dieser Chor auch imstande war, den musikalischen Anforderungen der kleineren und größeren Kompositionen seines Dirigenten zu entsprechen und manches davon in Uraufführungen zu Gehör zu bringen. Vergessen wir nicht, daß der – gegenüber dem damaligen Repertoire – moderne Stil für die Laien eine zusätzliche Schwierigkeit bildete. Der Chor hat offensichtlich noch im Jahre 1970 auf für einen Kirchenchor erstaunlich hohem Niveau musiziert, wie die folgenden Passagen aus einer Rezension zur o.g. Hundertjahrfeier und dem Festhochamt des Tages mit Werken Schroeders deutlich machen:

"Ist es auch im allgemeinen nicht üblich, von gottesdienstlichen Aufführungen kritisch zu berichten, so muß diesmal eine Ausnahme gemacht werden. Die Missa Coloniensis für 4-6 Stimmen und Orgel sowie das in den Rahmen des Gottesdienstes einbezogene Te Deum mit Bläsern wurden im ganzen so vortrefflich vorgetragen, daß anspruchsvolle Konzertmaßstäbe erfüllt worden wären. Den zum Teil recht schwierigen Werken, in denen dem Komponisten eine schöpferische und eigenständige Synthese von Gregorianik und Polyphonie gelungen ist, wurde eine Interpretation zuteil, die auch jenes Lebensgefühl zum Ausdruck brachte, aus dem heraus sie geschaffen worden sind und das unverändert gültig ist für alle, die Modernität nicht mit Konformismus verwechseln."

Die letzten Sätze bekommen in der Rückschau auf die kirchenmusikalische Szene der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit einen etwas bitteren Beigeschmack. Sie erinnern an die Enttäuschungen, die nicht nur die Generation Schroeders erleben mußte, als mit dem Latein auch die Gregorianik und mit der Polyphonie auch der strenge Stil aus der Kirche verschwand. (Schroeder nennt das in seiner Ansprache "Ewigkeitswerte".) Was an deren Stelle getreten ist, verdankt sich dem Vorbild der Konsummusik und trägt wie diese ihr Verfallsdatum schon in sich. Doch das ist ein eigenes Thema.

Die Verdienste des Komponisten Hermann Schroeder um die Kirchenmusik wurden bei dem Festakt des Gregorius-Chores durch den Präses des Allgemeinen Cäcilienverbandes, Prof. Dr. Wilhelm Lueger, mit der Verleihung der Lasso-Medaille des ACV gewürdigt.

Sehr verehrte Damen und Herren!
Liebe Sänger und Sängerinnen!

Ich muß mich zunächst sehr herzlich bedanken für die Interpretation der Werke von heute früh. Ich war gar nicht überrascht, denn einmal wußte ich, daß der Chor seit Jahrzehnten so zusammen hält, und zweitens ist der Dirigent Alfred Steffen für mich eine Gewähr; und so war die Überraschung nicht groß, aber die Freude umso größer. Sie wissen vielleicht – die meisten, die früher und von den alten Zeiten noch hier sind, wissen - daß nicht nur Sie beim Dirigenten etwas lernen, sondern der Dirigent bei Ihnen auch. So muß ich sagen, daß ich in den Jahren, wo ich hier war, für mein chorisches Schaffen ungeheuer viel gelernt habe. Das "Te Deum" von heute früh ist für diesen Chor geschrieben, und was noch später kam, da erinnerte ich mich eigentlich immer nur an den Chorklang, mit dem ich hier arbeiten durfte. Und dieser Chorklang, das kann ich heute sagen, der ist jung geblieben, wenn auch sehr viele älter geworden sind. (Ich ja auch.) Aber er ist nicht nur im Klang jung geblieben. Es sind auch einige (neue) Mitglieder da, die wurden mir schon bei früherem Musizieren als Ihr Nachwuchs vorgestellt; und wenn sich die geistige Frische und das geistige Jungsein mit diesem körperlichen Jungsein verbinden, d.h. wenn die Jugend auch mittut, dann ist keine Gefahr für die schon zitierten nächsten 100 Jahre.

Es kommt bald die Zeit, da meine Generation – ich gehöre nicht nur zu den Alten, sondern sogar schon zu den Ältesten – nichts mehr schreibt. Es kommen dann andere, die schreiben. Und wenn Sie dann von dem, was wir hinterlassen haben, nur sagen: "Es war etwas, auf dem man weiter bauen kann", dann sind wir zufrieden. Dann können Sie ruhig das, was von uns geschrieben wurde, auf die Seite legen, wenn Sie etwas Besseres und etwas Zeitgemäßeres kriegen. Aber nicht auf die Seite legen soll man das, worüber die Menschheit sich im klaren ist, daß es gewisse Ewigkeitswerte hat, die man nie mehr erreichen wird und die man eben deswegen auch für alle Generationen, für die man verantwortlich ist, noch weiter tradieren muß. Das ist einmal die Gregorianik, das ist Palestrina, und das wäre auch - für alle anderen im einzelnen genannt – eine Mozart-Messe. Das darf man nie beiseite legen. Alles andere, was nur dazu diente, die Entwicklung auf ein günstiges Gleis und in eine gute Fahrt zu bringen - und mehr nehmen wir von unserer Zeit nicht in Anspruch – das soll man als das bewerten. Und ich glaube, wenn wir möglichst viele Chöre haben, die in dem Sinne arbeiten wie Ihr Chor, dann ist für die Zukunft nur Gutes zu sehen. Und daß Sie in der Zukunft in diesem Sinne Freude haben und sich eine kirchenmusikalische Weiterentwicklung leisten können, dazu sage ich Ihnen meinen herzlichsten Glückwunsch und wünsche, daß das, was eigentlich schon in der Vorgeneration von Herrn Steffen begonnen wurde, so weiter blühe, wie wir es heute erlebt haben.

Hermann Schroeder