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H. Schroeder als Chordirigent


Peter Henn, Hermann Schroeder als Chordirigent, erschienen in: Mitteilungen der Hermann-Schroeder-Gesellschaft, Heft 2, 2000, S. 32-45
(Vortrag gehalten am 26.9.1998 im Musikwissenschaftlichen Seminar der Universität Bonn anlässlich der 3. Tagung der Hermann-Schroeder-Gesellschaft)
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In meinem Vortrag möchte ich einen Überblick über Hermann Schroeders chorleiterisches Wirken geben. Ich stütze mich dabei auf persönliche Erinnerungen, die ich als Student an der Kölner Musikhochschule und als Mitglied des Madrigalchores gewinnen durfte. Meine Überlegungen konzentrieren sich auf die folgenden drei Bereiche:

- die von Hermann Schroeder geleiteten Ensembles,
- Schwerpunkte und Konzeption seiner Konzertprogramme sowie
- Hermann Schroeder als Chorleiter und Interpret.

Von Hermann Schroeder geleitete Ensembles

Schon unmittelbar nach dem Studium leitete Hermann Schroeder 1932-1936 den Gregorius-Chor an St. Josef in Duisburg. Hier gewann er erste praktische Erfahrungen in der Chorarbeit, die sich auch unmittelbar auf sein Wirken als Komponist auswirkten, hatte er doch Gelegenheit, eigene Kompositionen in der Praxis auszuprobieren: seine "Missa dorica" op. 15 und das "Te Deum" op. 16 entstanden in Duisburg. Eine zentrale Stellung nahm die Chorarbeit in Schroeders Kölner Zeit ein. Hier war er nach dem 2. Weltkrieg künstlerischer Leiter von vier Chören:

- Den Kölner Bach-Verein leitete Schroeder 1947-1961, das erste Konzert fand am 30.10.1947 statt. Im Februar 1962 sah sich Schroeder gezwungen, die Leitung des Bachvereins niederzulegen, nicht zuletzt, weil es nach seinem Herzinfarkt im Jahre 1961 einige unerfreuliche Umstände und Intrigen gegeben hatte.

- Der Rheinische Kammerchor wurde 1962 von ehemaligen Mitgliedern des Bachvereins gegründet und gab sein Konzertdebut am 13. und 14. Dezember 1962 im Kölner Schnütgen-Museum. Schroeder leitete den Chor bis 1968 und gab zwei bis drei Konzerte pro Jahr, überwiegend mit Werken der klassischen Vokalpolyphonie, Bachs, Mozarts sowie der Romantik.

- Der Hochschulchor der Staatlichen Hochschule für Musik Köln war keine ständige Einrichtung, sondern wurde von Hermann Schroeder nur projektweise geleitet, z. B. für die Aufführung von Haydns Jahreszeiten oder Bruckners Messe in f-Moll.

- Der Madrigalchor der Staatlichen Musikhochschule Köln wurde 1948 von Schroeder gegründet und von ihm bis 1974 geleitet. Dieses Ensemble war Schroeders wichtigstes, vielseitigstes und vollkommenstes Instrument. Über 25 Jahre erhielten hier Generationen von Studierenden der Schulmusik entscheidende sängerische, stilistische, dirigentische und allgemein musikalische Prägung. Ich verdanke meiner Mitwirkung im Madrigalchor die nachhaltigsten musikalischen Eindrücke während des Studiums.

Schroeders Programmschwerpunkte und -konzeption

In den Programmen des Bach-Vereins dominieren zunächst oratorische Werke, die auch heute noch im Mittelpunkt des Repertoires stehen, u.a. von J. S. Bach die Passionen, das Weihnachtsoratorium, die h-Moll-Messe und ausgewählte Kantaten, von Mozart das Requiem, die Vespern und Messen, von Bruckner die Messen in f-Moll und e-Moll, Verdis "Quattro pezzi sacri", Händels Messias, 112. Psalm, Acis und Galathea (in Schloss Brühl). Während aus heutiger Sicht solche Programmschwerpunkte weniger spektakulär sind, fällt andererseits auf, dass vor allem in den ersten Jahren a-cappella- Literatur und oratorische Werke fast gleich stark vertreten sind. Neben der Pflege des traditionellen Repertoires wäre Schroeders Einsatz für die zeitgenössische Chormusik zu würdigen. Als Pioniertat darf die Kölner Aufführung von Strawinskys Messe in ihrem Entstehungsjahr 1948 (durch den Madrigalchor) gelten.

Aussagekräftiger sind die Programme des Madrigalchores, schon weil die Zusammenstellung kürzerer A-cappella-Werke die formende Hand verlangt. Hier zeigt sich nachdrücklich das künstlerische Profil des Interpreten Hermann Schroeders, sein Sinn für geschichtliche oder inhaltliche Bezüge, für formale Geschlossenheit, für Kontrastwirkungen und praktische Bedingungen (Aufführungsort und -anlass, Publikum). Im breiten Repertoire des Madrigalchores begegnen wir immer wieder Werken, denen Schroeder offensichtlich musterhafte Geltung für ihre Gattung zumaß. Dazu gehören die großen acht- bzw. fünfstimmigen Motetten von J.S.Bach sowie von Brahms die Motetten und Chorlieder (op. 42, 62, 104) sowie die Zigeuner- und Liebeslieder. Die klassische Vokalpolyphonie ist vor allem vertreten mit Motetten von Lasso, Schütz, Palestrina und mit italienischen und englischen Madrigalen. Seltener findet man in den Programmen Werke der Niederländer und Werke der Spätromantik (Wolf, Reger). Einen gewichtigen Anteil bilden Chorwerke der "klassischen" Moderne: von Hindemith (Six Chansons), Bartok, Kodaly, Distler, Hessenberg, Pepping und natürlich von Schroeder. Für den Westdeutschen Rundfunk produzierte der Madrigalchor gelegentlich Gebrauchsmusik, vor allem eigene Volksliedsätze und -kantaten.

Bei der Konzeption der Programme empfindet Schroeder die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Konzerte offensichtlich nicht als Einengung, sondern als Herausforderung an eine kreative inhaltliche Planung. Ort, Anlass und Inhalt bilden jeweils eine stimmige Einheit, die manchmal schon in der Konzertankündigung anklingt, z.B. "Alte Musik vor alten Bildern im Wallraff-Richartz-Museum" oder "Serenadenkonzert im Arkadenhof der Universität Bonn". Für ein Konzert im Schloss Brühl wählt er Musik von Händel oder eine Purcell-Oper. Drei dicht aufeinander folgende Konzerte zeigen, wie Schroeder sich vom Anlass inspirieren lässt:
- "Moderne Kirchenmusik" am 23.11.1949 in St. Andreas, Köln: Werke von Strawinsky (Messe), Hessenberg (Motette "Herr, mache mich zum Werkzeug deines Friedens"), Lemacher (Magnificat), Hindemith (Kantate "Apparebit repentina dies") und Schroeder (Te Deum)
- "Goethe-Feierstunde" am 7.12. 1949 in der Musikhochschule: Reichardt-Lieder und Beethoven, Musik zu "Egmont" und "Meeresstille"
- "Musik zum Karneval" am 15.2.1950 in der Musikhochschule: Werke von Lasso, Schumann, Lemacher und anderen

Schroeders Programmplanungen zeugen durchweg von Stil- und Formgefühl. Manchmal sind seine Konzerte nach dem strengen Formgesetz der Symmetrie entworfen, z. B. in einem Konzert des Kölner Bachvereins am 12. Juli 1949 in St. Andreas mit Werken von J. S. Bach; drei achtstimmige Motetten umrahmen die Sätze der Partita d-Moll für Violine solo: "Fürchte dich nicht" – Partita, Sätze 1-4 – "Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf" – Chaconne – "Singet dem Herrn".
Ähnliche Symmetrie am 27. Mai 1954 in einem Konzert zum Bonner Beethovenfest: Brahms, Liebeslieder-Walzer op. 52 – Schubert, Fantasie f-Moll für Klavier vierhändig – Schumann, Dichterliebe – Schubert, Rondo A-dur für Klavier vierhändig – Brahms, Zigeunerlieder.
Ein Konzert mit "Passions- und Ostermusik" am 15. März 1955 ist von der Thematik her antithetisch aufgebaut, folgt aber stilistisch-geschichtlich der geschlossenen Liedform: Es beginnt mit klassischer Vokalpolyphonie, wechselt ins 19. und 20. Jahrhundert und kehrt am Ende wieder zu Gabrieli und Lasso zurück. Die Idee "Thema mit Variationen" wandelt er ab, indem er z. B. verschiedene Vertonungen des "Ave Maria" oder des Psalms "Singet dem Herrn" nebeneinander stellt (Pachelbel, Schütz, Bach).

Hermann Schroeder als Chorleiter und Interpret

Von 1968 bis 1972 habe ich unter Schroeders Leitung im Madrigalchor der Musikhochschule Köln mitgesungen. Die hier empfangenen Eindrücke waren die prägendsten meines Studiums. Meiner Meinung nach war der Madrigalchor die Schnittstelle für Hermann Schroeders Wirken als Lehrer, Musiktheoretiker und Interpret. Diese Ganzheitlichkeit war vielleicht das größte Geschenk für uns Studenten.

Schroeders persönliche Ausstrahlung lässt sich kaum in Worten festhalten. Aber mir bleiben einige Besonderheiten seiner Arbeitsweise lebendig in Erinnerung, die ein Bild des Chorleiters Schroeder zeichnen können:
Schroeder ließ gerade den "Gipfelwerken" Zeit zum Wachsen. "Singet dem Herrn" begleitete uns über ein ganzes Semester. Der Prozess der Aneignung verlief stetig in immer größerer Intensität. Mit unendlicher Geduld (jedenfalls im Vergleich zu seinen Lehrveranstaltungen) konnte Schroeder an der einzelnen Phrase arbeiten, bis sie rund und homogen klang. Er forcierte nicht, er ließ musizieren. Seine Zeichengebung war sparsam, er hörte zu, nickte bestätigend und konnte quasi mühelos alle positiven Energien in seinem Chor freisetzen. Das Werk "reifte" in den Proben. – Wie wohltuend im Vergleich zum Ex und Hopp des heutigen Musikbetriebs!

Schroeder behandelte die Sänger nicht als bloße Ausführende, sondern erzog uns zu wissenden Interpreten. Elementar war die Vermittlung von Gliederung und Großform. Während er an der Gestaltung der Themen von "Singet" feilte, wurden wir nebenher beteiligt an seinen Entscheidungen bezüglich der Temporelationen, der Analogien zum Concerto grosso oder zu Register- und Manual-Dispositionen bei entsprechenden Orgel-Präludien. Gehörbildung, Stilkunde und Analyse des musikalischen Satzes waren in die Probenarbeit integriert, und zwar spätestens bei der Korrektur sängerischer Fehler, wenn z. B. eine fallende Quarte nicht getroffen wurde, ein Legato nicht angebracht oder die dynamische Balance gestört war.

Stets gab der Textbezug die Grundlage für den Ausdruck. Probenarbeit bedeutete nie bloße Technik. Für Lebendigkeit und Motivation sorgte Schroeders bildhaft-plastische Sprache, seine Begabung für Anschaulichkeit, drastische Übertreibung und ironische Nebentöne. Von einem Silcher-Männerchorsatz sagte er einmal: "Dieses Lied entbehrt nicht einer gewissen Innerlichkeit. Aber stellen Sie sich vor, Sie sängen ein Leben lang im 2. Tenor!" Und dann sang er in unnachahmlicher Manier die 2. Tenorstimme vor, die sich bis zum bitteren Ende im Rahmen einer Terz bewegte. - Bei Schroeder hatte die Musik ihren Sitz im Leben.

Unter solchen Bedingungen, angezogen von Schroeders Kompetenz und Charisma, trafen sich im Madrigalchor nicht selten die tüchtigsten und künstlerisch ambitioniertesten Schulmusikstudenten. Viele, die später als Chorleiter, Gesangs- oder Instrumentalsolisten regelmäßig konzertierten, verdanken der Mitwirkung in diesem Ensemble entscheidende künstlerische Anstöße. Für manche bedeuteten Konzerte des Madrigalchores das erste Podium ihres solistischen Auftretens.

Abschließend seien einige Auszüge aus Konzertkritiken zitiert, sie stammen aus einem von Schroeder selbst angelegten Album mit Konzertprogrammen, Fotos und Kritiken (im Nachlass des Komponisten):

7.5.1950, zu Bachs Magnificat: "... Bach-gemäß, ohne Künstelei, ohne Pathos und Romantisierung, scharf in der Konturierung von vokalen und instrumentalen Sätzen".

29.5.1952, zu Haydns Jahreszeiten: "... beweglich, klar und durchsichtig, lebendiges Musizieren in ungekünstelter Eindringlichkeit, spannkräftig in der klaren, bildhaften Form und mit behutsamem Nachdruck in den Feinheiten der landschaftlichen Genremalerei, (...) Temperament, das dem elementaren Lebensgefühl des Werkes in idealer Weise entsprach."

6.3.1954: "Er ist sozusagen identisch mit seinem Chor, und der Chor mit ihm, (...) hochgesteigerte Leistung, die mühelos mit dem Schwierigsten fertig wird, in der technischen Chordisziplin wie im durchfühlten Vortrag und in der bewundernswert ausgeglichenen Klangführung (...). Mit pädagogischer Systematik ging das Programm auf das Typische der Epochen vokalen Musikschaffens ein, (...) ausgesuchtes Stimmenmaterial und hohe musikalische Intelligenz bei jedem einzelnen Sänger. (...) Wohltuend vor allem, dass die heute so verbreitete Askese im Klang hier noch nicht hat Platz ergreifen können. Wie leben die Zeugnisse klassischer Polyphonie über solch gesunder Klangsubstanz auf! (...) Schroeder ist nicht nur ein Musiker der stilistischen Strenge sondern gleich ausgeprägt auch ein rechter Musikant, unter dessen Händen der Humor in der Amfiparnasso-Szene ebenso wörtlich getroffen wird wie die Schlichtheit in den a-cappella-Chören und das Volksliedhaft-Vitale in den Zigeunerliedern von Brahms."

24.11.1954 unter der Überschrift "Die Kunst des natürlichen Chorgesangs": "Was den Vortragsstil dieses sorgfältig geschulten Chores auszeichnet, ist der natürliche Fluß des Singens. Im ungekünstelten Vortragsstil spiegelt sich die Persönlichkeit des Dirigenten Hermann Schroeder, der sich im vokalen Klangraum mit intuitiver Sicherheit bewegt. Es gibt glänzendere chorische Interpretationsweisen als die Hermann Schroeders, aber kaum eine, die so schlicht und natürlich das Gesetz des Singens herausfühlt. (...) Diese seltene Synthese von Pädagogischem und Künstlerischem beruht auf der völligen Vertrautheit mit der Chorsprache, nicht nur mit der, die die Kompositionen sprechen, sondern auch mit der, die die Sänger ausübend nachvollziehen (...)".


Erinnerungen von Tiny Wirtz
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